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E-Zigarette: Mythen, Fakten, Risiken

E-Zigarette: Mythen, Fakten, Risiken

Kaum ein Thema im Bereich Tabak-Alternativen ist so stark von Vorurteilen und Missverständnissen geprägt wie das Dampfen. Aber was passiert im Körper beim Konsum von Nic Salts – und was, wenn man unter einer Nussallergie leidet? 

Wir befragten Univ.-Prof. Dr. Bernhard-Michael Mayer, Leiter der Abteilung für Pharmakologie und Toxikologie an der Universität Graz, sowie Prof. Dr. med. Philip Bruggmann, Co-Chefarzt Innere Medizin am Arud Zentrum für Suchtmedizin. Sie beantworteten uns einige der häufigsten Fragen.

Prof. Dr. Bernhard-Michael Mayer, Leiter der Abteilung für Pharmakologie und Toxikologie an der Universität Graz (links), und Prof. Dr. med. Philip Bruggmann, Co-Chefarzt Innere Medizin am Arud Zentrum für Suchtmedizin Zürich (rechts)

Prof. Dr. Bernhard-Michael Mayer (links) von der Uni Graz ist Leiter der Abteilung für Pharmakologie und Toxikologie.

Prof. Dr. med. Philip Bruggmann (rechts) ist Co-Chefarzt Innere Medizin vom Arud Zentrum für Suchtmedizin Zürich.

Sind Süssstoffe in Liquids ein Risiko für Diabetiker?

Prof. Dr. Bernhard-Michael Mayer: Die oft behauptete Insulinausschüttung durch Süssstoffe ist ein Mythos, basierend auf einer überholten Studie aus den 1980er-Jahren. Neuere Untersuchungen zeigen klar, dass Süssstoffe weder Insulin noch Appetit beeinflussen und daher auch für Diabetiker unbedenklich sind. Relevant bleibt einzig, dass beim Erhitzen bestimmter Süssstoffe wie Sucralose giftige Zersetzungsprodukte entstehen können – während der Stoff unerhitzt harmlos ist.

Prof. Dr. med. Philip Bruggmann: Es gibt Studien, die einen Zusammenhang andeuten, doch weitere Untersuchungen sind nötig, um Ursachen und Risiken zu klären.

Und wie ist das bei Nussaromen? Sind diese eine Gefahr für Allergiker?

Prof. Dr. Bernhard-Michael Mayer: Bei diesen Allergien handelt es sich um sogenannte Typ-I Allergien, die durch Proteine ausgelöst werden. Da die für die Herstellung von Liquids verwendeten Aromen – egal ob synthetisch oder «natürlich» – keine Proteine enthalten, besteht für Allergiker kein Risiko.

«Süssstoffe im Liquid sind für Diabetiker uneingeschränkt geeignet.» 

Prof. Dr. Bernhard-Michael Mayer, Leiter der Abteilung Pharmakologie und Toxikologie, Universität Graz

Stichwort Nikotinsalze: Gibt es aus Ihrer Sicht bislang unterschätzte Risiken?

Prof. Dr. Bernhard-Michael Mayer: Mir sind keine neuartigen Risiken bekannt. Ob man die sogenannten Salzliquids oder herkömmliche Liquids dampft, ist dabei unerheblich. Aufgrund des EU-Limits von 20 Nikotin pro ml bleibt man weit unter der bedenklichen Aufnahmemenge.

Was passiert im Körper, wenn man Nikotinsalz-Liquid (20 mg/ml) mit hoher statt niedriger Leistung dampft?

Prof. Dr. Bernhard-Michael Mayer: Die sogenannten Salzliquids unterscheiden sich von herkömmlichen Liquids nur im pH-Wert und damit der Geschwindigkeit der Nikotinaufnahme. Die nachfolgenden Prozesse im Körper sind die gleichen.

Ist pflanzliches Glycerin (VG) beim Dampfen unbedenklich – oder können bei hohen Temperaturen schädliche Stoffe entstehen?

Prof. Dr. Bernhard-Michael Mayer: Sowohl PG als auch VG bilden bei Erhitzung potentiell toxische Zersetzungsprodukte, v.a. Aldehyde wie Formaldehyd. Diese Prozesse sind temperaturabhängig, bei Temperaturen um 250 °C sind die Mengen im Dampf allerdings sehr niedrig und im Bereich der Konzentrationen in der Umgebungsluft.

Was empfehlen Sie Jugendlichen, Herzpatienten oder Asthmatikern? Sollen sie generell gar nicht dampfen, wenn sie z.B. ein Verlangen nach Nikotin haben?

Prof. Dr. Bernhard-Michael Mayer: Es gibt keinen Hinweis auf ein erhöhtes Herz-Kreislauf-Risiko durch Nikotin. Klinische Studien zeigen sogar, dass sich Asthma-Symptome und die Funktion der Blutgefässe nach dem Umstieg auf E-Zigaretten verbessern. Jugendliche sollten jedoch keinesfalls zum Konsum ermuntert werden.

Prof. Dr. med. Philip Bruggmann: Bei Asthmatikern ist aus medizinischer Sicht auf jede Form von Inhalation von Nikotinprodukten zu verzichten. Für Patienten mit Herzproblemen bleibt beim Vapen Nikotin das Hauptrisiko –, es führt zu Blutdruck- und Pulserhöhungen und kann somit auf die Dauer die Entstehung von Arterienverkalkungen begünstigen. Beim Rauchen kommen zusätzliche Belastungen durch den Verbrennungsrauch dazu. Und Jugendlichen empfehle ich klar, gar nicht erst mit Nikotinprodukten zu beginnen.

«Bei Asthmatikern ist aus medizinischer Sicht auf jegliche Form von Inhalation von Nikotinprodukten zu verzichten.»» 

Prof. Dr. med. Philip Bruggmann, Co-Chefarzt Innere Medizin, Arud Zürich

Prof. Dr. Bernhard-Michael Mayer: Ich habe in einem Gutachten im August 2006 die E-Zigarette von Ruyan Rauchern vorbehaltlos als Alternative zu Tabakzigaretten empfohlen. Damals gab es keine einzige Studie dazu. Der gesunde Menschverstand, bei uns «Hausverstand» genannt, sollte genügen, um zu erkennen, dass die Inhalation von Dampf («Nebel») weniger schädlich ist als die Inhalation von Verbrennungsrauch. Meine damalige Einschätzung wurde in den vergangenen zwei Jahrzehnten durch keine einzige Studie widerlegt.

Prof. Dr. med. Philip Bruggmann: Die regulatorischen Massnahmen sollten möglichst auf wissenschaftlicher Evidenz basieren. Von Regulationsfehlern in anderen Ländern sollte gelernt werden. Und beim Regulieren gilt es beide Aspekte zu berücksichtigen, den Jugendschutz und das schadensmindernde Potential von rauchfreien Nikotinprodukten für Rauchende.

Fläschchen mit Nikotin-Shots und NicSalt-Liquids von Crossbow im Unschärfe-Effekt

Nic Salts unterscheiden sich von herkömmlichen E-Liquid nur im pH-Wert – in der Wirkung im Körper gibt es keine Unterschiede.

Fläschchen mit Nikotin-Shots und NicSalt-Liquids von Crossbow im Unschärfe-Effekt

Nic Salts unterscheiden sich von herkömmlichen Liquids nur im pH-Wert – die Prozesse im Körper sind die gleichen.

Das sagt Sucht Schweiz

Sucht Schweiz liess auf Anfrage verlauten, dass es bei E-Zigaretten ähnlich wie früher bei den Zigaretten längere Zeit brauche, um die mittel- und langfristige Entwicklung von Gesundheitsproblemen statistisch einwandfrei zu beobachten. Gleichzeitig gebe es in letzter Zeit vermehrt Hinweise auf eine stark erhöhte Wahrscheinlichkeit von Lungenproblemen wie Asthma, Bronchitis oder gar COPD bei Konsumierenden von E-Zigaretten im Vergleich zu Nichtkonsumierenden.

Zudem betonte die Organisation, es müsse unbedingt vermieden werden, dass Minderjährige mit dem Konsum von Nikotinprodukten beginnen. Je jünger eine Person damit starte, desto stärker sei die Abhängigkeit und desto grösser das Risiko, später auch auf schädlichere Produkte umzusteigen. Erste Hinweise auf einen sogenannten «Gateway-Effekt» gebe es bereits – damit ist gemeint, dass der Einstieg über scheinbar harmlosere Produkte wie E-Zigaretten den Weg zum späteren Zigarettenkonsum ebnen könnte. Eine genauere Analyse wolle Sucht Schweiz im kommenden Frühling vorlegen.

Anmerkung der Redaktion: Die Lungenliga Schweiz wollte auf unsere Anfrage keine Stellung beziehen.

Simon Gröflin
Online Marketing Manager

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